Seiten für Eigenkultur jolifanto.de
Jolifrosch

26.11.2008
© Jörg Dieter

Meine Website aus Studientagen - aktuelle Website: www.webrhetorik.de

Inhalt

Schlagzeilen

Webliteralität

Wissenschaft
Mathematik
Lerntheorie
Deutschunterricht
Intertextualität
Hugo Ball
Franz Kafka
DaF

Gästebuch

Kontakt

Impressum

 

 Wie ein Kristall auf einem bunten Tuch

Ein didaktisches Modell zu Hugo Balls „Karawane

von Jörg Dieter

In leicht veränderter Form erschienen in: Hugo Ball Almanach. Heft 23. Pirmasens 1999. S. 155-177.
Zu beziehen über: Stadtbücherei Pirmasens. Dankelsbachstraße 19. 66953 Pirmasens (Tel. 06331/84-2359)
 

 

Zusammenfassung

Mit diesem Text wird ein didaktisches Modell zur Behandlung des Gedichtes „Karawane von Hugo Ball im Unterricht vorgestellt. Das Modell ist ausgelegt auf eine Doppelstunde oder zwei zeitlich nicht zu weit auseinanderliegende Einzelstunden. In der vorliegenden Form ist es konzipiert für Schüler der 9. bis 11. Klassenstufe, die schon Erfahrungen mit Gruppenarbeit sammeln konnten. Zunächst erfolgt eine ausführliche Interpretation des Gedichtes, um den Lehrer zu orientieren. Dabei wird auch auf das Umfeld, in dem das Gedicht entstanden ist und auf die Person Hugo Balls eingegangen. Danach werden die Ziele vorgestellt, auf die hin das Gedicht im Unterricht behandelt werden soll. Schließlich wird der Unterrichtsverlauf umrissen. Im Anhang befinden sich Materialien für die im Unterrichtsverlauf vorgesehene Gruppenarbeitsphase.

 

Hugo Balls „Karawane

Eine unbekannte Sprache, die jeder versteht

Die meisten Menschen müssen beim Lesen oder Hören des Gedichtes „Karawane von Hugo Ball unwillkürlich an eine Elefantenkarawane denken. Manche sehen sie sogar ganz deutlich vor ihrem inneren Auge vorüberziehen. Wie gelingt es Hugo Ball, der außer in der Überschrift kein einziges unverfremdetes deutsches Wort verwendet diese Assoziationen zu wecken?

Es ist eine Vielzahl von sprachlichen Mitteln, die dabei zusammenwirken. Eine Schlüsselfunktion kommt dem Titelwort „Karawane zu, denn es lenkt den Leser in eine ganz bestimmte Richtung und stellt damit gleichsam den Hintergrund dar, vor dem das Gedicht seine Bedeutung entfaltet. Würde dieser Titel fehlen, wäre der Leser in seinen Assoziationsmöglichkeiten sehr frei und verschiedene Rezipienten würden sicherlich zu ganz verschiedene Vorstellungen vom Inhalt des Gedichtes kommen. So aber ist es naheliegend, in den Ausdrücken „jolifanto, „grossiga und „russula nur leicht verfremdete Formen der deutschen Worte „Elefant, „groß und „Rüssel zu sehen und ihnen die entsprechende Bedeutung zuzuschreiben. Hat man sich einmal auf das Bild einer Elefantenkarawane eingelassen, daß durch diese Bedeutungszuschreibung langsam Gestalt anzunehmen beginnt, dann fallen einem zahlreiche lautmalerische Elemente ins Auge, die diesen Eindruck noch festigen. Der schwerfällige und monotone Gang der Elefanten wird durch dunkelvokalige Ausdrücke wie „anlogo bung und das gleich zweimal wiederholte „blago bung abgebildet, die beim lauten Lesen zu einer langgezogenen Aussprache mit gesenkter Stimme regelrecht einladen. In der Zeile „ü üü ü läßt sich die lautmalerische Nachbildung des Trompetens eines Elefanten erkennen. Die Ausdrücke „hollaka hollala und „hej tatta gôrem muten hingegen eher an, wie die Rufe der Treiber, ausgestoßen in einer jener fremden Sprachen, wie sie in den Gegenden, durch die Elefantenkarawanen gewöhnlich ziehen, gesprochen werden. Wenn der Leser sich in die Szenerie hineinversetzt, besonders wenn er das Gedicht laut liest und mit seiner Stimme experimentiert, mag er noch weitere lautmalerische Repräsentationen für Geschehnisse dort finden. Die Bedeutungszuweisung ist hier nicht mehr eindeutig und verschiedene Leser werden deswegen ganz verschiedene Verbindungen zwischen den Lautmalereien im Gedicht und ihrer eigenen imaginierten Karawane ziehen. Das Gedicht ist jedoch so angelegt, daß sich solche Verbindungen mit Leichtigkeit finden lassen. Noch allgemeiner als die lautmalerischen Ausdrücke muß man die auffälligen Häufungen von Vokalen und Konsonanten deuten. Ihnen kann auch im vorgegeben Kontext keine Einzelbedeutung mehr zugewiesen werden. Dennoch sind sie wichtig und prägen das Bild mit. Das Gedicht wird von den dunklen Vokalen „a, „o und „u beherrscht, die den Eindruck behäbig dahintrottender Dickhäuter verstärken. Bei den wenigen Zeilen, in denen doch einmal helle Vokale im Vordergrund stehen, scheint es sich durchweg um solche zu handeln, die die Rufe der Treiber lautmalerisch abbilden. Betrachtet man die im Gedicht verwendeten Konsonanten, so fallen eine ganze Reihe von Stabungen auf, z.B. „blago bung oder „wulla wussa, in ihrer Gehäuftheit geben sie dem Gedicht etwas Rhythmisches, was wiederum die Assoziation vorüberziehender Tiere nahelegt. Auffallend ist auch, daß die Häufigkeit und die Abfolge der einzelnen Konsonanten für die deutsche Sprache ungewöhnlich ist, wodurch der Eindruck von Fremdheit und Ferne verstärkt wird. Den Häufungen von Vokalen und Konsonanten kommt im Gedicht also eine ähnliche Funktion zu, wie der Musik, die einen Film untermalt und damit die vom Regisseur gewollte Stimmung unterstreicht.

Betrachtet man diese sprachlichen Mittel, die Hugo Ball verwendet, um den Eindruck einer Elefantenkarawane entstehen zu lassen, in ihrer Gesamtheit, so läßt sich erkennen, daß hier verschiedene Bedeutungsebenen zusammenwirken, wobei nur die Bedeutung der ersten Ebene festgelegt ist. Die anderen Ebenen erhalten ihre mehr oder weniger festgelegte Bedeutung immer erst vor dem Hintergrund der jeweils höheren Ebenen und tragen dadurch, daß sie sich in Übereinstimmung mit diesen interpretieren lassen, zu einer Festigung des Gesamtbildes bei. 

Schematisch ergibt sich folgender Aufbau: (1)
1. Ebene: Unverfremdetes Titelwort - „Karawane 
2. Ebene: Leicht verfremdete Ausdrücke - „jolifanto, „grossiga und „russula 
3. Ebene: Lautmalerische Ausdrücke - z.B. „blago bung, „ü üü ü, „hollaka hollala 
4. Ebene: Auffällige Häufungen von Vokalen und Konsonanten

Durch diesen Aufbau unterscheidet sich „Karawane von „konventionellen Texten, bei denen sich in der Regel die Bedeutung des gesamten Textes aus der Bedeutung der einzelnen Sätze ergibt. Die Bedeutung der einzelnen Sätze wiederum aus der Bedeutung der einzelnen Worte, die sich zum Teil nochmals in mehrere bedeutungstragende Morpheme aufspalten lassen.

Hier hingegen ist es umgekehrt. Die einzelnen Elemente erhalten ihre Bedeutung erst im Rahmen des gesamten Bildes, daß durch das Gedicht widergespiegelt wird. Dieses Bild wiederum kommt erst durch das Zusammenspiel ebendieser Elementen zustande, die, abgesehen vom Titelwort, für sich allein genommen entweder überhaupt keine Bedeutung tragen, oder sehr vieldeutig sind und erst aus dem durch den Titel vorgegebenen Zusammenhang heraus gedeutet werden können. Das Ganze und seine Teile Bedingen sich so in diesem Gedicht gegenseitig und wir sähen uns einem hermetisch abgeschlossenen Zirkel gegenüber, hätte Hugo Ball nicht mit dem Titel des Gedichtes eine Türspalt offengelassen, durch den wir in den Kreislauf eindringen und seine Bedeutung erschließen können.
 

Wie ein Kristall auf einem bunten Tuch

Betrachtet man das Gedicht „Karawane für sich allein, läßt sich viel mehr darüber nicht sagen. Dies ändert sich sofort, wenn man beginnt, zusätzliche Informationen in die Deutung miteinzubeziehen. Je nachdem welche zusätzlichen Informationen man betrachtet, stellt man das Gedicht in verschiedene Bedeutungszusammenhänge. Vor dem Hintergrund des Lebens von Hugo Ball entfaltet das Gedicht eine andere Bedeutung wie vor dem Hintergrund der politischen Situation seiner Entstehungszeit, und diese Unterscheidet sich wiederum von der Bedeutung, die dem Gedicht vor dem Hintergrund der Dada -Bewegung zukommt. Das Gedicht verhält sich hier wie ein durchsichtiger Kristall, der - auf ein buntes Stück Tuch gelegt - selbst beginnt, in der Farbe des jeweiligen Hintergrundes zu schimmern. Dies ist eine Qualität, die literarischen Texten im allgemeinen zukommt. Sie sind und bleiben nicht auf einen Kontext beschränkt, sondern können in verschiedenen Kontexten immer wieder aufs neue bedeutungsvoll werden. Klarer als an den meisten anderen literarischen Texten läßt sich dies an einem Gedicht wie „Karawane erkennen, weil es in seiner Bedeutung, besonders in der Bedeutung seiner Bestandteile weit weniger festgelegt ist, als „konventionelle Gedichte.

Im folgenden werde ich das Gedicht zunächst vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse seiner Entstehungszeit und der künstlerischen Bewegung (Epoche wäre bei weitem zu viel gesagt), in deren Rahmen es entstand, betrachten und danach vor dem Hintergrund des Lebens von Hugo Ball, der diese Bewegung entscheidend mitgeprägt hat.
 

Der erste Weltkrieg macht Zürich Dada

Nachdem 1914 der erste Weltkrieg ausgebrochen war, suchten viele Künstler aus den kriegsführenden Ländern Zuflucht in der Schweiz. Anfang des Jahres 1916 eröffnet Hugo Ball zusammen mit Emmy Hennings in Zürich das „Cabaret Voltaire. Im Umfeld dieser Künstlerkneipe entstand die Dada-Bewegung. Eine große Zahl der im Schweizer Exil lebenden Künstler: Dichter, Maler, Schauspieler, Sänger und Artisten fanden sich hier zusammen. Über alle nationalen und künstlerischen Verschiedenheiten hinweg verband sie eines, die Abneigung gegen die zu dieser Zeit allgemein verbindlichen Konzepte in Kunst und Literatur.

Vor diesem Hintergrund erhält die „Karawane sowohl eine politische als auch eine kunstkritische Dimension. Eine politische Dimension insofern als man in der „Karawane, wie auch Harald Henzler feststellt, den Versuch sehen kann, eine Kunstsprache zu schaffen, die sich über die nationalen Interessen, die ja letztendlich zum Krieg geführt haben, hinwegsetzt. (2)

Die „Karawane paßt sich aber auch in die Kunstkritik der Dada-Bewegung ein, im großen „Duden-Lexikon heißt es: „Die Dadaisten proklamierten die absolute Sinnlosigkeit in der Kunst und einen konsequenten Irrationalismus, Ziel des D. war die Simultanität, d. h. die gleichzeitige Wiedergabe aller inneren und äußeren Wahrnehmungen ohne kausalen und logischen Zusammenhang mit Einbeziehung des Unterbewußtseins. (3) Diese Elemente finden sich auch in der „Karawane wieder; wie schon eingangs erwähnt, verweigert sich die „Karawane dem konkreten Wortsinn, und dennoch gelingt es ihr durch das Zusammenwirken vieler an und für sich unzusammenhängender Elemente beim Leser oder Hörer den Eindruck einer vorüberziehenden Karawane wachzurufen. Auch ins Bild des dadaistischen Kunstverständnisses paßt die Unterstützung des Textes durch die Inszenierung, auf die ich im folgenden Abschnitt näher eingehen werde.
 

Hugo Ball - der magische Bischof

Oberflächlich betrachtet gleicht Hugo Balls Leben einem Flickenteppich - ständig wechseln seine Interessen. Auf Wunsch der Eltern beginnt er eine Lehre in einem Geschäft für Lederwaren, bricht diese aber vorzeitig ab und holt das Abitur nach. Danach beginnt er ein geisteswissenschaftliches Studium in München, das er nach vier Jahren abbricht, um Regieschüler am deutschen Theater in Berlin zu werden. Als der erste Weltkrieg ausbricht, meldet er sich als Kriegsfreiwilliger, wird jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgewiesen. Er kehrt vorläufig ans Theater zurück und beginnt sich mit Anarchismus zu beschäftigen. Nur ein Jahr später emigriert er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings in die Schweiz und engagiert sich dort gegen den Krieg. In Zürich gründet er die Künstlerkneipe „Cabaret Voltaire, in deren Umfeld die Dada-Bewegung entsteht und in der er die „Karawane am 23.6.1916 zum erstenmal öffentlich vorträgt. Nur wenige Monate später zieht sich Hugo Ball von der Dada-Bewegung zurück und reist in den Tessin. Im folgenden Jahr wird er Mitarbeiter der „Freien Zeitung und verstärkt sein politisches Engagement. Aber auch dieses währt nicht lange - 1920 zieht sich Ball aus der Öffentlichkeit zurück. Er wendet sich dem Katholizismus zu und legt schließlich in München die Generalbeichte ab. In seinen letzten Lebensjahren, die er hauptsächlich im Tessin verbringt, setzt er sich intensiv mit der Psychoanalyse auseinander.

Dieses Flatterhafte, ständig Wechselnde bildet aber nur die Oberfläche von Hugo Balls Leben. Hat man die Möglichkeit tiefer zu blicken, wie sein langjähriger Freund Hermann Hesse, so wird deutlich ein roter Faden sichtbar: „Das Innerste in Balls Charakter, sein Urantrieb, das was alle seine Schritte lenkte, was ihn sowohl zur heutigen Wissenschaftstechnik wie zum heutigen Theater, zu den Politikern sowohl wie zu den offiziellen Kirchenkatholiken in unheilbaren Gegensatz brachte, war seine Religiosität. (4) All die Dinge, mit denen sich Hugo Ball während seines Lebens beschäftigte, sei es Anarchismus, Theater, Krieg, Dada -Bewegung oder Katholizismus müssen in diesem Licht gesehen zu werden. Als ein Versuch weg von der Oberfläche der Dinge zu kommen und zu ihrem eigentlichen Wesen vorzustoßen. Dies läßt sich auch anhand von Hugo Balls Lautgedichten nachvollziehen. Man erkennt es zum einen an der Art und Weise, in der Hugo Ball die Lautgedichte in Szene setzte, zum anderen an seinen Erklärungen dazu.

Die erste Aufführung der Lautgedichte, die Hugo Ball in seinem Tagebuch „Die Flucht aus der Zeit ausführlich beschreibt, gleicht einer Messe oder einem mystischen Ritual: „Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, so daß ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, daß ich ihn durch ein Heben und Senken der Ellbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut. [...] Also ließ ich mich, da ich als Säule nicht gehen konnte, in der Verfinsterung auf das Podest tragen und begann langsam und feierlich: [...] (5) Aber nicht nur durch seine Kleidung, die einem Priestergewand, oder dem Gewand eines Magiers gleicht, versucht Ball eine mystische Stimmung zu schaffen: „Da bemerkte ich, daß meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Meßgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt. Ich weiß nicht, was mir diese Musik eingab, aber ich begann meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen. (6) Das Hugo Ball nicht nur eine Schau für das Publikum abzieht, sondern selbst tief betroffen ist, von dem was er tut, macht er im folgenden klar: „Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungengesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochämtern seiner Heimatpfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester hängt. (7)

Genauso geheimnisvoll, wie Ball auf der Bühne erschien, verschwindet er schließlich auch wieder: „Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium herab schweißbedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen. (8)

Zum „Warum der Lautgedichte und ihrer Inszenierung äußert sich Ball in seinem Tagebucheintrag am 24.6.1916: „Vor den Versen hatte ich einige programmatische Worte verlesen. Man verzichte mit dieser Art Klanggedichte in Bausch und Bogen auf die unmöglich gewordene Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des Wortes zurück, man gebe auch das Wort noch preis, und bewahre so die Dichtung ihren letzten heiligsten Bezirk. Man verzichte darauf, aus zweiter Hand zu dichten: nämlich Worte zu übernehmen (von Sätzen ganz zu schweigen), die man nicht funkelnagelneu für den eigenen Gebrauch erfunden habe. [.. .] (9) In einen heiligen Bezirk vordringen, der hinter den Dingen, hinter den Worten liegt, immer wieder sucht Ball nach Wegen, die ihm das ermöglichen sollen und immer wieder scheitert er, so auch hier.

Was ist der Grund seines Scheiterns? Sprache ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen und kann vom Einzelnen nur im steten Austausch mit anderen aufgebaut werden. Darüber hinaus ist Sprache ein geschichtliches Phänomen, denn im Austausch der Sprecher einer Sprache verändert sie sich. Alles was wir sagen steht deswegen immer im Bezug zu Dingen, die andere vor uns gesagt haben, dadurch erhält es Sinn. Dagegen versucht sich Ball zu wehren, wenn er im „ersten dadaistischen Manifest schreibt: „Auf die Verbindung kommt es an, und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird. Ich will keine Worte die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. (10) Doch in seinen Lautgedichten, wie in „Karawane, mit denen Ball wie er im „ersten dadaistischen Manifest erklärt, zum „Herz der Worte vordringen und „die Sprache hier selber fallen lassen will, gelingt ihm das nicht. Die Lautgedichte leben gerade von ihren Bezügen auf „Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt [...] und ohne sie würden sie jeden Reiz verlieren. Vermutlich sah auch Ball selbst die Vergeblichkeit seiner Bemühungen auf diesem Gebiet ein. Schon bald wandte er sich von der Dada-Bewegung ab, um sich nur wenige Jahre später mit der Welt der Mystiker zu beschäftigen, die um Erfahrungen ringen, die in Worten nicht mehr zu fassen sind.
 

Die Bedeutung der „Karawane im Unterricht

Gedichte lassen sich im Unterricht mit ganz verschiedenen Zielen behandeln: um Techniken der Texterschließung zu üben, um literaturhistorisch wichtige Texte kennenzulernen, um sich Wissen über literarische Gattungen oder Epochen anzueignen, um die Schüler zum Weiterlesen anzuregen und nicht zuletzt um sich in der Auseinandersetzung mit dem Gedicht mit sich selbst zu konfrontieren. In der Regel wird der Lehrer eines, allenfalls zwei solcher Ziele auswählen, die ihm angemessen erscheinen und das Gedicht auf diese Ziele hin behandelt. Daß das Gedicht auch ganz anders behandelt werden könnte, wird den Schülern dabei meistens nicht klar. Im schlimmsten Fall kann es sogar vorkommen, daß der Lehrer seine Interpretation eines Gedichtes als die einzig mögliche und wahre hinstellt und alternative Interpretationsvorschläge der Schüler nicht akzeptiert. Dabei ist es gerade die Mehrdimensionalität eines literarischen Textes, die seinen Wert ausmacht. Dieses „nicht-festgelegt-sein auf eine einzige Lesart, eine einzige Bedeutung, macht ihn immer wieder aufs neue bedeutsam. An einem Text wie „Karawane läßt sich diese Qualität literarischer Texte für die Schüler erfahrbar machen. Ich halte es deshalb für sinnvoll die „Karawane unter diesem Vorzeichen zu behandeln.

Dies ist möglich, indem die Schüler in mehreren Gruppen an dem Gedicht arbeiten. Dadurch, daß die Gruppen unterschiedliche Arbeitsanweisungen und Materialien an die Hand bekommen, werden sie zwangsläufig auch zu verschiedenen Ergebnissen gelangen. Indem die Schüler sich über diese Ergebnisse austauschen, erkennen sie, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, an ein Gedicht heranzugehen und es zu verstehen. Einige Sichtweisen des Gedichtes, lassen sich durch Argumente sehr gut stützen, andere vielleicht nicht. Es mag solche Interpretationen geben, die sich mit der Zeit durchsetzen und andere, die verworfen werden, aber keine die von Anfang an richtig oder falsch ist.

Indem die Schüler auf diese Weise mit dem Gedicht arbeiten, lernen sie noch andere Dinge: sie üben selbständig in Gruppen zu arbeiten, sie lernen Verfahren zur Texterschließung kennen, sie üben ihre Mündlichkeit, indem sie sich über ihre Arbeitsergebnisse austauschen und schließlich lernen sie mit Hugo Ball auch noch einen der wichtigsten Vertreter des Dadaismus kennen.
 

Die Behandlung der „Karawane im Unterricht

Hinweise zum Ablauf

Um die „Karawane in der von mir vorgeschlagenen Form zu behandeln ist ein Doppelstunde ideal, aber auch die Behandlung in zwei zeitlich nicht zu weit auseinanderliegenden Einzelstunden ist möglich. Ich gehe in meinem Konzept davon aus, daß die Klasse, in der das Gedicht behandelt wird, schon Erfahrungen mit Gruppenarbeit sammeln konnte. Ist dies nicht der Fall muß das Konzept entsprechend abgewandelt werden.

Bevor die Klasse in Gruppen an dem Gedicht arbeitet, muß sie auf das Gedicht eingestimmt werden. Dabei sollte man darauf achten, daß die Einführung nicht zu einem Klamauk gerät; Hugo Ball selbst beschreibt in seinem Tagebuch, wie er sich während des Vortrages darum bemühte, ernst zu bleiben, die „Karawane ist also keineswegs nur komisch gemeint. Um diese Ernsthaftigkeit zu garantieren, ist es von Vorteil, wenn der Lehrer die „Karawane zunächst selbst vorträgt. Damit die Schüler erkennen, daß ihr Lehrer nicht plötzlich durchgedreht ist, sondern es sich um die Behandlung eines literarischen Textes handelt, kann parallel hierzu der Text der Karawane, am besten in der grafisch aufbereiteten Fassung aus dem Dada Almanach von Huelsenbeck, (11) mit dem Tageslichtprojektor an die Wand geworfen werden.

Danach sollte der Lehrer einen Überblick über das weitere Vorgehen geben: die Dauer der Gruppenarbeit und Verhaltensregeln für die Gruppenarbeit bekanntgeben und die Klasse, je nach Klassengröße, in drei oder sechs Gruppen einteilen. Wenn die Klasse bereit für die Gruppenarbeit ist, gibt der Lehrer die verschiedenen Arbeitsblätter aus. Während der Gruppenarbeit wird der Lehrer auf Wunsch der Schüler beratend tätig. Hierzu einige Hinweise: 

Gruppe 1
Diese Arbeitsgruppe erarbeitet sich einen textimmanenten Zugang zur Karawane. Zuerst achten die Schüler darauf, welche Erfahrungen das Lesen oder Hören des Gedichtes bei ihnen auslöst. Dann beschäftigen sie sich mit der Frage, wie es zu diesen Erfahrungen kommt, denn sie sind ja explizit im Gedicht nicht beschrieben. Nicht um einfach kreativ zu sein, sondern um besser nachvollziehen zu können, was Hugo Ball hier eigentlich gemacht hat, versuchen die Schüler daraufhin selbst, ein Gedicht nach dem Vorbild der „Karawane zu erstellen. Für den Fall, daß den Schülern hier keine geeigneten Themen einfallen, sollte der Lehrer ein paar in der Hinterhand haben, (z.B. der Tanzbär, Pferderennen, Baustelle, Feuerwerk oder ähnliches).

 

Arbeitsblatt für Gruppe 1

 

Gruppe 2
Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Aufführung des Gedichtes. Dazu lesen die Schüler zunächst Auszüge aus Hugo Balls Tagebucheintrag zur Karawane. Danach vergleichen die Schüler zwischen der Wirkung eines bloßen Vortrages der Karawane, wie sie ihn zu Beginn der Stunde gehört haben und der (gemutmaßten) Wirkung einer Inszenierung, wie sie Hugo Ball beschreibt. Nun überlegen sie sich, welche Mittel Hugo Ball einsetzt, um auf das Publikum zu wirken. Indem die Schüler im folgenden selbst versuchen die „Karawane in Szene zu setzen, werden diese Überlegungen vertieft. In Verbindung mit dieser Gruppe, entweder noch während der Gruppenarbeit, oder während dem folgenden Gespräch, hat der Lehrer die Möglichkeit auf Hugo Balls Biographie einzugehen und beispielsweise, seine Zeit am Theater oder seine spätere Hinwendung zum Christentum zu erwähnen. Es wäre gut, wenn für diese Gruppe ein zusätzlicher Raum zur Verfügung stünde, in dem sie die Aufführung der „Karawane vom Rest der Klasse unbeobachtet üben kann. Es sollte darauf geachtet werden, daß bei dem von den Schülern vorbereiteten Vortrag die stimmlichen Gestaltungsmittel nicht zu kurz kommen.

 

Arbeitsblatt für Gruppe 2

 

Gruppe 3
Die dritte Gruppe beschäftigt sich mit dem Dadaismus und seinem Aufbegehren gegen die etablierten Konventionen in Kunst und Sprache. Zunächst lesen die Schüler dazu einen Teil eines Lexikonartikels zum Thema Dadaismus und ein Zitat aus dem „ersten dadaistischen Manifest von Hugo Ball durch. Um sich den nicht ganz einfachen Lexikontext zu erschließen, faßt ihn zunächst jeder Schüler einzeln schriftlich zusammen. Danach diskutieren die Schüler ihre Ergebnisse. Die Schüler versuchen nun, Merkmale zu finden, die dafür Sprechen, daß es sich bei der „Karawane um ein dadaistisches Gedicht handelt. Schließlich wird anhand des „ersten dadaistischen Manifests Hugo Balls Sprachkritik untersucht. Das ist ein Punkt, an dem der Lehrer unter Umständen helfend eingreifen und die Aufmerksamkeit der Schüler darauf lenken muß, daß es Hugo Ball nicht gelingt in seinem Gedicht ohne Bezüge auf Worte auszukommen, die von anderen erfunden sind. Ergänzend kann dieser Gruppe, falls vorhanden, ein Bildband mit dadaistischen Kunstwerken ausgehändigt werden.

 

Arbeitsblatt für Gruppe 3

 

Allgemeine Hinweise zur Gruppenarbeitsphase

Fünf Minuten vor dem Ende der Gruppenarbeitszeit sollte der Lehrer die Schüler bitten, mit ihre Arbeit zu einem Abschluß zu kommen. Nun stellen die einzelnen Gruppen das Ergebnis ihrer Arbeit vor. Dies kann je nach Gruppe auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen. Bei jeder Gruppe haben die restlichen Schüler und der Lehrer die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Wenn sich aus dieser Vorstellung der Gruppen heraus nicht von selbst eine Diskussion entwickelt, bleibt es dem Fingerspitzengefühl des Lehrers überlassen, nun diejenigen Aspekte herauszugreifen, die besonders interessant oder zu kurz gekommen schienen und sie nochmals ins Gespräch zu bringen.

Mit einem solchen Gespräch kann die Behandlung der „Karawane enden. Es besteht aber auch die Möglichkeit, nochmals in die Gruppen zu gehen und die geleistete Arbeit zu dokumentieren. Dies kann z.B. in Form von Plakaten geschehen, die von der Gruppe nun gemeinsam gestaltet werden oder auf denen, in der vorherigen Gruppenarbeitsphase entstandene, Arbeiten arrangiert werden. Diese Arbeiten können anschließend im Klassenraum ausgestellt werden und halten so die Behandlung der „Karawane in guter Erinnerung.

 

Fußnoten

(1) Zu ganz ähnlichen Gliederungen kommen auch Hermann Helmers in: Lesestücke 7. Lehrerband. Literarische, didaktische und methodische Analysen. Stuttgart: Klett 1977. S. 202f. und Johann Bauer in: Bauer, Johann (Hg.): Lernziel, Kurse, Analysen. Zu schwarz auf weiß - Gymnasium 9. Hannover: Schroedel 1983. S. 149.

(2) vgl. Harald Henzler: Die „Karawane. In: Hugo Ball Almanach. Heft 17. 1993. S. 105f

(3) Das Große Duden-Lexikon in acht Bänden. Zweiter Band. Mannheim: Bibliographisches Institut 1965. S. 258.

(4) Hesse, Hermann: Schriften zur Literatur. Zweiter Band. Hg. von Volker Michels. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972. S. 404.

(5) Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern: Stocker 1946. S. 99f (Eintrag vom 23.6.1916)

(6) ebd.

(7) ebd.

(8) ebd.

(9) Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Luzern: Stocker 1946. S. 100f (Eintrag vom 24.6.1916)

(10) Hugo Ball: Der Künstler und die Zeitkrankheit. Ausgewählte Schriften. hg. von Hans Burkhard Schlichting. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988. S. 40.

(11) Richard Huelsenbeck (Hg.): Dada-Almanach. Im Auftrag des Zentralamtes der deutschen Dada-Bewegung. Berlin: Reiss 1920. S. 53. (2. Aufl., unveränd. Repr. Hamburg: Ed. Nautilus 1987)

Seitenanfang