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Verwandlungen – Deutungsansätze bei Kafka

von Jörg Dieter (geschrieben November 2001)

„Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann man ja niemals eine klare Auskunft bekommen.“ Franz Kafka - Unglücklichsein

 

Kafka der Untote  

Franz Kafka hat verglichen mit anderen Schriftstellern nur wenig geschrieben. Von dem wenigen, das er geschrieben hat, dürften wir vieles eigentlich gar nicht lesen. Ausdrücklich bat er seinen Freund und Förderer Max Brod in zwei Testamenten einen großen Teil seiner Texte zu verbrennen. Als wollte er sich der Welt entziehen, wirklich verschwinden, wirklich tot sein.

Max Brod widersetzte sich, wie er Kafka zu seinen Lebzeiten schon angekündigt hatte, diesem Vernichtungsbefehl. Nach und nach sorgte er für die Veröffentlichung von Kafkas Werken. Seitdem geistert Kafka durch die Literatur - ein Untoter, der auch seine Leser nicht zur Ruhe kommen lässt. Ein Gespenst das man nicht fassen, ein Autor den man auf keine Interpretation festlegen kann.

Jede geistige Strömung hat dabei ihren eigenen Kafka gefunden: „einen, der wie Kierkegaard philosophiert, wie Heidegger denkt, wie der junge Marx die Entfremdung beschreibt, wie Freud den ödipalen Konflikt psychoanalysiert, wie Foucault die Mechanismen der Macht durchschaut oder wie Derrida die metaphysische Sinngebung zerstört.“ (Anz, Thomas: Franz Kafka. München: Beck 1989. S. 8) Kafkas Erzählungen sind so vielschichtig, dass es fast so viele Deutungen wie Leser gibt. Dennoch sind im Laufe der Zeit einige Hauptströmungen der Kafkainterpretation entstanden.

 

Kafka wird bekannt

Gedeutet wurden Kafkas Erzählungen bereits zu seinen Lebzeiten. Die Deutungen kamen dabei vor allem von Schriftstellern, die Kafka schon während seines Lebens nahe standen, z.B. Max Brod, Walter Benjamin, Robert Musil, Kurt Tucholsky und viele andere. Derselbe Personenkreis setzte sich auch mit den von Max Brod zusammengestellten ersten Nachlasseditionen Kafkas auseinander.

Auf Grund der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten konnte Kafka ab 1935 in Berlin und kurze Zeit später auch in Prag nicht mehr verlegt werden. Viele Freunde und Bekannte Kafkas flohen vor der Herrschaft der Nationalsozialisten nach Frankreich, England und in die USA. Besonders in den USA gelang es einigen von Kafkas Freunden als Sprach- und Universitätslehrer Fuß zu fassen. Sie machten Kafka in der englischsprechenden Welt bekannt.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs konnte auch in Deutschland wieder Kafka gelesen werden. Viele meinten dabei in seinen Werken die schwierige und einengende Nachkriegssituation wiederzuerkennen. 1950 begann der Fischer Verlag mit der Herausgabe der gesammelten Werke Kafkas. In den nun kommunistischen Staaten Osteuropas wurde Kafka während der Stalin-Ära als dekadent und kapitalistisch abgelehnt. Erst in den 60er Jahren begann auch hier wieder eine intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk.

 

Kafka spukt durch viele Köpfe

Im Labyrinth der Welt - Theologische Interpretationsansätze

Max Brod, Freund Kafkas und Herausgeber seines Nachlasses, versah viele von ihm herausgegeben Schriften mit erklärenden Nachworten. In diesen gab er die starke theologische Orientierung der frühen Kafkadeutung vor. So schreibt er im Nachwort zu Kafkas Romanfragment „Das Schloss“: „[...] dieses ‚Schloss’, zu dem K. keinen Zutritt erlangt, dem er sich unbegreiflicherweise nicht einmal richtig nähern kann, ist genau das, was die Theologen ‚Gnade’ nennen, die göttliche Lenkung menschlichen Schicksals (des Dorfes), die Wirksamkeit der Zufälle, geheimnisvolle Beschlüsse, Begabungen und Schädigungen, das Unverdiente und Unerwerbliche, das ‚Non liquet’ über dem Leben aller. Somit wäre im ‚Prozeß’ und im ‚Schloss’ die beiden Erscheinungsformen der Gottheit (im Sinne der Kabbala) – Gericht und Gnade – dargestellt.“ (Brod, Max: „Das Schloss“. Nachwort zur ersten Ausgabe. In: Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 39 – 47) In allen drei Romanen Kafkas, dem Prozess, dem Schloss und Amerika, sieht Max Brod als Grundmotiv die Einordnung des Einzelnen in die menschliche Gemeinschaft, bei der es sich gleichzeitig um die Einordnung in ein Gottesreich handelt. Nicht unbescheiden erhebt er den Anspruch, dass andere Deutungen nur innerhalb dieses, von ihm vorgegebenen, umfassenden Deutungsrahmens möglich seien. Die Vielfalt abweichender Kafkadeutung zeigt wie absurd dieser Anspruch ist.

Martin Buber sieht Kafka verirrt im Labyrinth einer chaotischen Welt, die ihre geheime Ordnung erst nach einem Schuldeingeständnis offenbaren würde. Von Brods „Gnade“ findet sich hier keine Spur. Katholische Interpreten sehen in Kafka den Juden, der nach Erlösung strebt, aber sie nicht erlangt, weil er den Erlöser nicht annehmen kann. Protestantische Deutungen bringen Kafka vielfach in Zusammenhang mit dem dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard, für den die existentielle Krise der Schlüssel zu wirklicher Religiosität ist. Georg Lukács sieht im Richter des Prozeß und in der Schlossverwaltung gar den abwesenden Nichtgott eines ins religiöse gesteigerten Atheismus.

Heinz Polizer schreibt über die theologischen Deutungsversuche von Kafkas Werk: „Alle diese Deutungen widersprechen einander, zeigen jedoch gerade in ihrem Widerspruch die irisierende Natur von Kafkas Visionen auf; er wirft als Spiegel die Ängste und Nöte dessen zurück, der von seinem Werk ereilt worden ist. Wo diese Nöte aber den Ängsten eines an seinem Glauben zweifelnden und verzweifelten Gewissens entsprungen sind [...] liegt die Vermutung nahe, dass hier in das Unheil Kafkas die Sinnbilder der dem Betrachter eigenen Heilslehre projiziert worden sind.“ (Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 8f)


Zauberspiegel - Philosophische Interpretationsansätze

Kafkas Werk wurde mit unzähligen philosophischen und literarischen Strömungen in Verbindung gebracht: Mit solchen, die er kannte und die sein Werk vermutlich beeinflusst haben, ebenso wie mit solchen, die sich im Nachhinein auf ihn bezogen.

Marthe Roberts vergleicht Kafka mit Homer und Cervantes, Wilhelm Emrich sucht Parallelen zur klassischen deutschen Ästhetik von Kant und Hegel. Adorno sieht Kafka in der Tradition der Aufklärung, Norbert Kassel als einen Erben Georg Büchners und E.T.A. Hoffmanns. Walter H. Sokel reiht ihn unter die klassischen Expressionisten ein. Albert Camus sieht in ihm einen surrealistischen Dichter, in dessen Werk ein absurder Held der Absurdität des Schicksaals widersteht. Für andere führt er den Existenzialismus Sören Kierkegaards weiter oder nimmt den Satrescher Prägung vorweg.

Was Politzer für die theologischen Deutungsversuche feststellt, scheint auch für die philosophischen zu gelten. Kafka ist ein wirklicher Zauberspiegel, in dem sich fast jede Denkrichtung wiederfindet. Ein Phänomen, das erst aus der Sicht strukturalistischer Kafkainterpretationen erklärbar wird.


Der mit dem Vater - Biografische Interpretationsansätze

„Kafka – das war doch der mit dem Vater“, kramen etliche Menschen die verblichenen Erinnerungen aus ihrer Schulzeit hervor, wenn man sie nach Kafka fragt. Das Motiv der Vater-Sohn Beziehung zieht sich durch zahlreiche Werke Kafkas und wird im „Brief an den Vater“ ganz ausdrücklich behandelt. Auch andere Personen aus Kafkas Leben finden sich in seinen Erzählungen wieder. So bringt er selbst in einem Brief die Frieda aus dem Urteil mit seine zeitweilige Lebensgefährtin Felice Bauer in Verbindung. Deutungsversuche aus Kafkas Biographie heraus liegen also nahe und wurden dementsprechend oft unternommen. Herauszuheben ist hierbei Klaus Wagenbachs „Franz Kafka. Eine Biografie seiner Jugend“ in der dieser Kafkas Leben bis ins Kleinste nachzeichnet.


Franz Kafkas Inferno – Psychoanalytische Interpretationsansätze

Die von Sigmund Freud entwickelte Psychoanalyse findet in den 20er und 30er Jahren zunächst in Europa viele Anhänger. Auch in den USA wird sie durch zahlreiche, vor der Herrschaft der Nationalsozialisten geflohene, deutsche und österreichische Psychoanalytiker schnell populär. Sowohl die biographischen BezĂĽge, als auch die traumähnlichen und religiösen Elemente in Kafkas Texten ĂĽben auf sie einen groĂźen Reiz aus. 1931 veröffentlicht Hellmuth Kaiser unter dem Titel „Franz Kafkas Inferno“  die erste psychoanalytische Studie ĂĽber den Autor. Er möchte darin das Unbewusste Kafkas untersuchen, eine Bewusstseinsschicht, die nur der psychoanalytischen Betrachtung zugänglich ist und ohne diese verborgen bleiben mĂĽsste. Bei dieser Untersuchung bekommt beinahe alles was Brod und andere zuvor religiös oder philosophisch deuteten eine verborgene sexuelle Bedeutung. So deutet Kaiser das Schnapstrinken des Affen in Kafkas Erzählung „Ein Bericht fĂĽr eine Akademie“ folgendermaĂźen: „So bedeutet das Schnapstrinken des Affen zwar eine Wiederbelebung der Sauglust der oralen Phase, aber die Flasche ist nicht – oder nicht nur – ein Abbild der mĂĽtterlichen Warze, sondern auch und vorwiegend ein Symbol des väterlichen Penis, der verschlungen und so durch Einverleibung zum eigenen (Ersatz-)Penis gemacht werden soll. Das Endziel des Schnapstrinkens ist nicht Befriedigung einer Sauglust, sondern die Gewinnung phallischer Lust.“ (Kaiser, Hellmuth: Franz Kafkas Inferno. Eine psychologische Deutung seiner Strafphantasie. In: Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 118) Aus dem so gedeuteten Verhalten des Affens zieht Kaiser RĂĽckschlĂĽsse auf das Unterbewusste von Kafka. Viele weitere psychoanalytisch orientierte Deutungen Kafkas werden folgen.


Ein Gespenst geht um in Europa – Kafka Interpretationen in der kommunistischen Welt

Franz Kafka hat in der kommunistischen Welt für viel Aufsehen gesorgt. Zunächst wurde er als Kritiker ungerechter sozialer Umstände begrüßt. Als es jedoch linientreuen Literaturkritikern nicht gelang die Kafka Interpretation auf Parallelen zur Marxschen Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit zu beschränken, schlug mit Beginn der Stalin-Ära diese anfänglich wohlwollende Rezeption in blanke Ablehnung um. Kafkas Werke wurden in verschiedenen Osteuropäischen Ländern, als nicht dem sozialen Realismus entsprechend, verboten. Gerade die Schwierigkeiten im kommunistischen Alltag meinten jedoch viele in seinen Erzählungen wiederzuerkennen, die ihn trotz des Verbotes weiterlasen. Ihrer Ansicht nach hatte Kafka vorausschauend die Unmenschlichkeit des Kommunismus kritisiert.

Die zeitweise Öffnung der Tschechoslowakei in den 60er Jahren machte 1963 die Kafka Konferenz von Liblice möglich. Dort konnten erstmals wieder kritische Interpretationsansätze öffentlich diskutiert werden. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings sahen sich aber auch die Veranstalter dieser Konferenz staatlichen Repressionen ausgesetzt. Die Beschäftigung mit Kafka blieb bis zum entgültigen Zusammenbruch der kommunistischen Regime ein gewagtes Unterfangen.

 
Beim Wort genommen – Werkimmanente und strukturalistische Interpretationsansätze

In den USA entstehen im Rahmen der „New Critics“ Bewegung erste werkimmanente Kafkainterpretationen. Sie versuchen sich vor allem auf Kafkas Texte zu konzentrieren und den biographischen und gesellschaftlichen Hintergrund so weit wie möglich auszuklammern. In Deutschland wird dieser Ansatz von Friedrich Beißner aufgegriffen und weitergeführt. Er beschäftigt sich weniger mit dem Inhalt von Kafkas Werken als mit dem Erzählstil und stellt dabei unter anderem fest, dass sie alle aus der Perspektive der Hauptgestalt geschrieben sind.

Aus werkimmanenten Überlegungen heraus entstand auch der Vorschlag auf Grund des Wechsels der Tages- und Jahreszeiten in den Romanen „Der Prozeß“ und „das Schloss“ die von Max Brod festgelegte Kapitelfolge zu verändern. Darüber hinaus entstand der Wunsch nach einer kritischen Ausgabe. Dieses Ansinnen wurde von Max Brod, der sich als alleinigen Nachlassverwalter Kafkas sah lange verhindert, ist aber nach inzwischen im Fischer Verlag möglich geworden.

Weiter als die meisten werkimmanent arbeitenden Interpreten geht Dieter Hasselblatt. Er stellt die Symbolik Kafkas insgesamt in Frage, auf der zahlreiche andere Kafkainterpretationen beruhen. Für ihn verwendet Kafka keine Symbole, die für etwas anderes, außerhalb von Kafkas Erzählungen Existierendes, stehen, sondern lediglich Chiffren und Zeichen, die nur durch ihre Beziehung untereinander bestimmt werden können. Das einzige was dem Kafka Interpreten zu tun bleibt, ist daher die Untersuchung der Struktur von Kafkas Texten. So versucht zum Beispiel Martin Walser auf jede Deutung Kafkas zu verzichten und sich auf eine Bestandsaufnahme von Auffallendem, Wiederkehrenden und Typischem zu beschränken.

Im Vergleich zu anderen Interpretationsansätzen wirken strukturalistische Deutungen oft fleischlos und wenig ergiebig. Sie besitzen jedoch eine große Stärke: sie können die Vielzahl und Verschiedenheit anderer Interpretationsansätze erklären. Besetzt man eine oder mehrere der von Kafka verwendeten Chiffren mit einem Inhalt der außerhalb von Kafkas Erzählungen steht, so erhält das ganze Beziehungsgeflecht eine neue Bedeutung. Da für die Besetzung einzelner Chiffren sehr viel Freiraum besteht, ergeben sich fast unzählige Interpretationsmöglichkeiten.


Verwendete Literatur

Anz, Thomas: Franz Kafka. MĂĽnchen: Beck 1989.

Brod, Max: „Das Schloss“. Nachwort zur ersten Ausgabe. In: Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 39 – 47.

Dietz, Ludwig; Franz Kafka. 2. verb. u. erw. Auflage. Stuttgart: Metzler 1990.

Kaiser, Hellmuth: Franz Kafkas Inferno. Eine psychologische Deutung seiner Strafphantasie. In: Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 69 – 142. Zuerst in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften. XVII (1931). S. 41 – 103.

Österreichische Franz-Kafka-Gesellschaft (Hg.): Franz Kafka in der kommunistischen Welt. Weimar: Böhlau 1993.

Politzer, Heinz: Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980.